Zeitzeugengespräch

veröffentlicht 28.04.2026 von M. Ruppert, Jugendarbeit Dekanat Ingelheim-Oppenheimer

„Hass muss man vermeiden. Wir sollen vergeben und nach vorne schauen.“

Es geht auf 19 Uhr zu und auf die Integrierte Gesamtschule Kurt Schumacher strömen Mengen von Menschen zu. Der Grund ist ein Mann mit einem komplizierten Namen: Mieczyslaw Grochowksi. Dem im Jahr 1939 geborenen Herrn aus dem ehemaligen Pommern (heute nordwestliches Polen) leuchten die Augen: „Kommen all diese Menschen wegen mir?“ Genau so ist es. Denn Mieczyslaw Grochowskis Geschichte ist die eines Holocaustüberlebenden. Das Bistum Mainz hat dafür seit Jahrzehnten einen eigenen Bereich und organisiert Begegnungen von Überlebenden und Gespräche, vornehmlich mit Jugendgruppen auf dem Jakobsberg. Stephanie Roth betreut diese Gruppe und ist auch am Abend in der IGS dabei. 

Mieczyslaw Grochwoski, genannt Mietek, beginnt musikalisch. Er spielt ein Stück auf der Trompete. Seine Erzählung beginnt in seinem Elternhaus. Er selbst ist da vier Jahre alt. Als die Deutschen seine Heimat besetzen, verlangen sie von allen Einwohnern, sich in die sogenannte „Volksliste“ einzutragen. Grochowskis Vater verweigert das. Daraufhin wird die gesamte Familie mit acht Kindern, von denen Mietek das jüngste ist, in das Arbeitslager Lebrechtdorf-Potulice verschleppt. Mietek berichtet davon, wie sie die letzten 10 km laufen mussten und irgendwann ihre Baracke sahen. „Ach Gott“, sagt er nur.

Die Familie wurde im Lager getrennt, der Vater muss schwerste Arbeit leisten, die älteren Brüder kommen an verschiedene andere Orte, die älteren Schwestern kommen auf einen Bauernhof und nur Mietek, seine nächstältere Schwester und die Mutter dürfen überhaupt zusammenbleiben. „Essen, essen, essen. Der Hunger war schlimm.“ Viel Zeit haben auch die kleinen Kinder von vier und fünfeinhalb Jahren nicht mit ihrer Mutter, denn sie kommt in die Schneiderei und muss jeden Tag 12 Stunden nähen. Die Kinder werden tagsüber in den Wald getrieben, wo sie sich selbst überlassen sind und irgendetwas spielen sollen. Einmal im Monat werden sie entlaust. Dazu müssen sie alle Kleider ausziehen und in einen Sack stecken, damit sie desinfiziert werden können. Sie selbst kommen dann unter eine Dusche. „Das warme Wasser dort war sehr angenehm, aber die Nacktheit…“, die war den Menschen, vor allem den Frauen, so peinlich, das könnten wir uns heute gar nicht vorstellen. Besonders hart waren auch die Wanzen. „Ich war der Liebling der Wanzen. Von Kopf bis Fuß war ich zerbissen - immer“, berichtet er. 

Es sind noch verschiedene schreckliche Geschichten, die er vom Leben im Lager berichtet. Ein Wendepunkt ist der Tag, an dem die Mutter ein Telegramm erhält: der Vater ist gestorben. Es bleibt unbekannt, was mit ihm geschehen ist. Jahrzehnte später nach dem Tod der Mutter findet Miecszyslaw zufällig das Grab. „Ich habe Sand davon mitgenommen und meiner Mutter auf ihr Grab gestreut. So habe ich sie wieder zusammengebracht“. 

1945 endet die Zeit im Lager für die beiden kleinen Kinder. Es dauert eine Zeit, bis die Mutter ebenfalls entlassen wird. Für Mietek ist das eine schwierige Zeit. Er ist immernoch ein kleiner Junge und hat dazu nach einer nicht behandelten Krankheit im Lager eine kaputte Blase, weshalb er einnässt. Seine Cousinen schikanieren ihn deshalb so sehr, dass er sich sogar zurück ins Lager wünscht. „Mein Gott, was habe ich gelitten.“

Und doch ist Mietek Grochowskis Bericht durchweg von Herzenswärme und Dankbarkeit durchzogen. Er beschreibt, wie er später mit der Trompete im Zirkus arbeitet, wie er heiratet, eine Tochter bekommt und die Ehe scheitert. Es ist immer wieder eine Menge Glück dabei und dann auch wieder ein Schicksalsschlag. Er jedoch hält sich immer an das, was seine Mutter gesagt hat, als sie aus dem Lager kam: „Blickt nicht zurück. Schaut nur nach vorn, gestaltet die Zukunft positiv. Ihr dürft nicht hassen. Wir wollen vergeben.“ Diese Haltung ist tief in ihm drin. Selbst wenn er die schlimmsten Geschichten erzählt, hat er Verständnis dafür, wie die anderen gehandelt haben. Er ist trotz größten Ängsten – vor der Dunkelheit, vor dem Einnässen, vor Verlust – in die Welt gezogen und hat sein Leben gemacht. Nach zwei Stunden beendet er seinen Vortrag und spielt nochmal zwei Stücke auf seiner Trompete. Ein Mann, der so freundlich ist, so positiv trotz schlimmsten Erlebnissen in seiner Kindheit – einfach beeindruckend.